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Ballermann5Uhr30

Ballermann5Uhr30

Eine Fotoserie von Stefan Flach über die wegen Covid-19 geschlossenen Ballermann, die Amüsiermeile an der Playa de Palma auf Mallorca am frühen Morgen um 5Uhr30. Daher der Titel Ballermann5Uhr30. Kommentiert und begleitet von den unterschiedlichsten Stimmen über die typische Art des Partytourismus. Mit einer Einleitung von André Engelhardt und einem Nachwort von Sacha Szabo.

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Mallorca, Traumziel und Ferieninsel der Deutschen. Wunderschöne Strände, reizende Täler, prächtige Steilküsten. Faszinierende Grotten, eine bemerkenswerte Kirche und natürlich die Natur. Ähnlich wie das gallische Dorf in den Asterix Bänden, verhält es sich in einem kleinen Areal am Strand südöstlich der mallorquinischen Hauptstadt Palma.

Schlager, Sangria und Sonnenbrand

Seit den 80er Jahren ist aus diesem winzige Teil der Insel ein hochkonzentrierter Hotspot von Kegelklubs, Vereinsausflügen, Junggesellenabschieden etc. geworden. Sacha Szabo schreibt dazu: „Veraltete und teils heruntergewirtschaftete Areale, die ihr Publikum nur noch fanden, indem sie mit günstigen Preisen warben, waren für Gruppen, die gezwungenermaßen auch das Budget im Auge haben mussten, attraktiv. Und natürlich konnte das Geld, das man nun nicht für die Übernachtung ausgeben musste, in Alkohol konvertiert werden. Es etablierte sich ein Refugium, in dem sich eine vollständig eigene Subkultur entwickelte.“

In der Hochsaison herrscht am Ballermann, dem Strandabschnitt S’Arenal an der Playa von Palma de Mallorca normalerweise Hochbetrieb. Tausende Menschen, die zusammen feiern wollen. Eine Gemeinschaft im dionysischen Ausnahmezustand. Vereint in Schlager, Sangria und Sonnenbrand. Man kennt diese Bilder: Es ist irgendwas zwischen Karneval und einem liturgischen Ritual, das aus dem Ruder gelaufen ist. Der Höhepunkt dieser Feierkultur ist fast schon überschritten. Es regt sich seit einigen Jahren – auch kontrovers dikutierter – Widerstand der Mallorquiner.

Im Sommer 2020 ist am Ballermann5Uhr30 alles anders.

Alles war anders als man es kennt: Die Strände menschenleer. Die Fenster verrammelt. Einsame Drängelgitter vor Lokalen. Es gibt vielleicht keinen merkwürdigeren Zeitpunkt für einen ersten Besuch am Ballermann als den Sommer 2020. Die Pandemie hat die Gemeinde in die Isolation verbannt. Hier singt und tanzt gerade niemand mehr. Genau zu diesem Zeitpunkt hat sich der Kölner Fotograf und Grafik-Designer Stefan Flach zum ersten Mal an den Ballermann getraut. Voller Erwartungen, mit vielen Vorurteilen und Skepsis. Aber vor allem Neugier und seiner Kamera.

Frühmorgens am Ballermann5Uhr30 bestaunt er die zugesperrten Läden. Die verschlossenen Diskotheken. Die verwaisten Partytempel. Die Tische sind mit den hochgestellten Stühlen und Barhockern in den geschlossenen Lokalen zusammengerückt als wenn sie sich gegenseitig anlehnen müssen. Die sonst nach allen Seiten offenen Bierlokale sind mit Maschendrahtzaun abgesperrt. Teilweise sind die Türen sogar zugeschweißt. Man rechnet damit, dass sich hier für längere Zeit nichts mehr tut.

In den Straßen und an den Geschäften hängen noch die Hinweisschilder, die die speziellen Bedürfnisse der Party Gemeinde vom Ballermann antriggerten: deutsche Bratwurst, deutsches Bier aber ebenso exotische Mahlzeiten und Getränke wie Paella und Sangria, die hier gerne in großen Kannen verköstigt wurde. Ebenso hängen immer noch die Versprechungen von ungebändigter Stimmung, ständige Live-Musik, Erotik-Shows, Freibier-Aktionen … und immer wieder deutsche Bratwurst.

Lost Place Ballermann5Uhr30

Ohne die vielen Menschen wirkt der Ort grotesk, auf eine brutale Art entzaubert also enttarnt als billige Fassade eines verlassenen Freizeitparks. Die Ansichten vom verwaisten Paradies wirken wie Tatortfotos. Als sei hier etwas geschehen, was man sich beim Anblick der verschlossenen Amüsierbetriebe nicht mehr erklären kann.

Und doch zeigt sich gerade jetzt einen besonderer Reiz. Das Panorama des Lost Place Ballermann5Uhr30 und seiner vergangenen Ereignisse, die noch fast in der Luft liegen wird zum mystischen Ort. Man möchte sich betroffen abwenden und muss doch hinsehen. Entstanden sind Fotos einer stillgelegten, vergangenen aber unvergessenen Ära.

Im diesem mit feinen Buchdruckpapier verabeiteten Hardcoverbuch stehen den bedrückend authentischen Fotos vielstimmige Gedanken, Beschreibungen und Meinungen zum Phänomen Ballermann gegenüber. Ein Spannungsfeld, dass neue Sichtweisen und Lesarten eröffnen mag.

Und wer schreibt?

André Engelhardt, Inhaber der Marken Ballermann® und Ballermann6® beschreibt begeistert in seiner Einleitung, den Ballermann nicht wie gewohnt als Ort zu sehen, sondern als Gefühl einer verbundenen Feier-Gemeinschaft von Menschen unterschiedlichster Herkunft und Stand. Hier feiert der Bänker mit der Putzfrau, der Schalke Fan mit der Zahnärztin aus Hamburg.

Sacha Szabo, Experte der Unterhaltungswissenschaft und Soziologe begründet in seinem Nachwort zu dem vorliegenden Fotobuch, dass der Ort, der Ursprungsort Ballermann, der ohne Menschen im eigentlichen Sinne mehr als ein Nicht-Ort ist. Die Begegnung der Menschen in gemeinschaftlichem Festrausch, die soziale Interaktion macht diesen Ort nämlich zu einem Super-Ort. Ohne den im übrigen Mallorca nur eine Insel von vielen wäre.

Ballermann5Uhr30
Hardcover, 104 Seiten
21 x 21 cm
ISBN 978-3-949168-00-0

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Mehr Informationen zum Buch gibt es hier.

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RatSchläge

RatSchläge – Ein Buch gegen Wohnungsnot und Stadtzerstörung in Köln

In Köln gibt es Armut, Obdachlosigkeit und Wohnungsnot. Dieses Buch erzählt aber auch von Alternativen: von Selbsthilfe und Hausbesetzung, von alten Siedlergemeinschaften und Neuer Arbeit.

Information und Protest gegen die Wohnungsnot in der Stadt. Sieben Wochen haben Männer und Frauen informiert über die Situation, die fehlenden Sozialwohnungen, den schleppenden öffentlichen Wohnungsbau, vor allem über die Obdachlosigkeit in der Domstadt. Und sie haben Alternativen gezeigt: Rumänische und Polnische Wanderarbeiter, die in der Corona-Zeit ein städtischen Haus besetzt haben – Siedler, die sich gegen den Abriss ihrer Jahrzehnte alten Schlichtbauten im Stadtteil Stammheim wehren – die Sozialistische Selbsthilfe in Mülheim, die ein halbes Dutzend neue Wohnungen für Menschen auf der Straße gebaut, dazu Arbeitsplätze geschaffen und ein neues Cafe am Rhein eröffnet hat.

Es gibt also Alternativen in Köln, die in diesem Buch in Reportagen und Dokumenten, Berichten und Fotos vorgestellt werden.

Autoren: Klaus Jünschke, Rainer Kippe, Martin Stankowski
Herausgeber: MachMit e.V.
Layout: Jochen Stankowski

Das Buch „RatSchläge“ kann gleich hier auf der Seite bestellt werden, oder ist in jeder Buchhandlung zu bestellen unter der ISBN Nummer: 978-3-94916-801-7

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#zusammenlesen – Dorothea Renckhoff empfiehlt: Peter Rosenthal, Nachts nicht weit von wo

Durch das sehr dunkle Cover sollte man sich nicht abschrecken lassen, geht es hier doch um die Nacht – und als einziger kleiner Farbfleck leuchtet das Wort „Nachts“ grünlich aus dem Schwarzweißfoto des Titels. Das 2019 im Kölner Weissmann Verlag erschienene Buch versammelt Lyrik und kurze Prosatexte sowie Fotos zum Thema. Wer mit Blick auf die meisten Veröffentlichungen von Rosenthal annimmt, es handle sich um Impressionen und Momentaufnahmen aus Ehrenfeld, hat nur teilweise Recht. Am treffendsten ist die hier präsentierte reizvolle Mischung durch das Nach(t)wort charakterisiert: „Dieses Buch ist aus einer Inspiration entstanden deren Traumgebilde aus Ehrenfeld hinauswuchs und mit den Beiträgen von Autoren und Fotografen aus Köln, ganz Deutschland, Schweiz, Rumänien, Ungarn, Polen, Litauen, Irland, Iran und den U.S.A. eine Gestalt annahm die für Jedermann nicht weit – von wo eigentlich – sein könnte.“

Die Fotos – viele in Schwarzweiß, aber auch solche in Farbe – sind ohne Ausnahme von begeisternder Qualität (Bildredaktion Michael Weißmann – von ihm stammt das Gros der Aufnahmen – und Stefan Flach) und fesseln den Blick nicht nur sofort, sondern jedes für sich auf lange. Denn jedes erzählt eine ganze Geschichte. Ob es die vielen leeren Flaschen am Straßenrand sind (Stefan Flach), das trostlose Hotelzimmer mit Rosentapete und Rosendruck auf der Wäsche vom Stockbett (Adel Naseri), oder der kriegsversehrte Häuserstumpf mit den vermauerten Fensterlöchern neben der geschlossenen Druckerei, in fahles gelbes Licht getaucht (Burkhardt Schmidt), um nur drei Beispiele zu nennen: Alle saugen den Betrachter in sich hinein und schlagen ihn in Bann.

Nicht anders die Texte. Thematisch und stilistisch ist der Bogen ebenso weit gespannt wie die Topographie der Herkunftsländer ihrer Autoren. Da steht „Das letzte Rotlicht“, der heiter-ironische Rückblick auf einen einst bekannten Puff in direkter Ehrenfelder Nachbarschaft von Margit Hähner, in einer Reihe mit „Morgengrauen“, dem erschütternden Gedicht der in Polen geborenen, heute in U. S. A. lebenden Susanne Piontek, in einer Reihe mit einer gespenstischen Passage aus „Nachts unter der steinernen Brücke“ des Prager Dichters Leo Perutz. In einer Reihe mit einem Auszug aus dem erinnerungsirrlichternden Romanprojekt „Die Überlebenden“ der Schweizer Autorin Gabrielle Alioth, die heute in Irland lebt, in einer Reihe mit „Amca“, Peter Rosenthals Porträt eines herzkranken alten Weißclowns, in einer Reihe mit … mit… einer Vielzahl spannender Miniaturen, die jede eine Welt in sich tragen.

Es sind Texte und Fotos, die man vor dem Einschlafen genießen kann, die aber auch die Kraft haben, über Phasen der Schlaflosigkeit hinweg zu tragen. Dies Buch ist ein guter Begleiter durch schwarze Nächte. Dabei lässt Rosenthal uns nicht im Dunkel zurück: Die Nacht dauert bei ihm nicht ewig, am Ende kommen Dämmerung und Morgengrauen und mit ihnen die Erkenntnis, welche Vielschichtigkeit sich hier zwischen zwei Buchdeckeln zusammenfindet. Nicht zuletzt deshalb, weil viele der Fotografen und Autoren nicht einem einzigen Land zuzuordnen sind, sondern eher dem Land zwischen den Sprachen. Nicht umsonst zitiert Rosenthal im Titel Stefan Zweig, der auf die Bemerkung, das von ihm zum Exil gewählte Brasilien sei doch sehr weit weg, mit der Frage antwortete: Weit von wo?

Dorothea Renckhoff lebt als Autorin in Köln und schreibt Märchen, Opernlibretti und Romane.

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Wenn es Nacht wird in Ehrenfeld

Artikel im Kölner Stadtanzeiger

Der Band „Nachts nicht weit von wo“ vereint Prosa, Lyrik und Fotografien – Der schillernde Stadtteil im Kölner Westen steht im Mittelpunkt, viele Texte weisen aber auch über ihn hinaus. Von Clemens Schminke, Kölner Stadt-Anzeiger –  Donnerstag, 12. März 2020 

Einmal im Jahr hatte Francesco Caroli, den Fans als den „berühmtesten Weißclown der Welt“ feierten, einen Termin in einer Arztpraxis in Ehrenfeld, bei Internist Dr. Peter Rosenthal. Seit der Mediziner herausgefunden hatte, dass die Beinödeme seines Patienten die Nebenwirkung eines Herzmittels waren und dieses gegen ein anderes ausgetauscht hatte, kam der Clown, der lange zum Ensemble des Circus Roncalli gehörte, stets an einem Montag zur Kontrolle. Man begrüßte sich auf Ungarisch; Caroli war als Kind mit seiner Familie, die für ihre Pferdedressuren bekannt war, oft in Ungarn gewesen, und Rosenthal beherrschte die Sprache als jemand, der bis zu seinem zwölften Lebensjahr im Banat gelebt hatte. 

Ein melancholischer Grundzug prägt das Buch 

Wie der Arzt den Zirkusstar, der vor 16 Jahren gestorben ist, erlebt hat, ist in dem Text festgehalten, der zu den ersten Beiträgen im Band „Nachts nicht weit von wo“ gehört. Ähnlich wie „Venedig ist auch nicht viel größer als Ehrenfeld“, das Rosenthal 2017 veröffentlicht hat, ist das Buch eine Sammlung von Prosa, Lyrik und Fotografien. Es ist das erste Werk aus dem Programm des jungen Weissmann Verlags. 

Verbindendes Thema des neuen Bands ist die Nacht mit all ihren Facetten. „Dieses Buch ist aus einer Inspiration entstanden, deren Traumgebilde aus Ehrenfeld hinauswuchs …“, heißt es im Nachwort. Eine Vielzahl der Texte weist über den Stadtteil im Kölner Westen hinaus – anders als die 76 stimmungsvollen, gut ausgewählten Fotografien, die fast ausschließlich nächtliche Szenen in Ehrenfeld vor Augen führen, wiederholt mit dem künstlerischen Mittel der Verwischung. 

So mancher visuelle Eindruck, ob in einer Kneipe oder auf einer Straße, hätte sich auch anderswo in Köln oder einer anderen Stadt einfangen lassen; vieles aber lässt sich klar verorten, von den Balloni-Hallen über den Bahnhof Ehrenfeld, das eingerüstete 4711-Hochhaus und das Freiluft-Kulturzentrum Odonien bis zum beliebten Imbiss „Kebapland“ an der Venloer Straße. Die meisten Bilder stammen von Michael Weißmann, der den Verlag zusammen mit Rosenthal und Grafik Designer Stefan Flach 2019 gegründet hat. 

In den Textbeiträgen wird der heimische Schauplatz zum Beispiel im Auszug aus dem „Ehrenfeldkrimi“ von Ulrike Anna Bleier kenntlich, wo ein Kind seine Mutter verliert am Ehrenfelder Bahnhof strandet und schließlich aufs Geratewohl in einen Bus einsteigt. Rosenthal selber, der 2001 mit „Entlang der Venloer Straße“ sein erstes Buch veröffentlicht hat, bannt im Gedicht „Ameisenhotel“ Impressionen von der Körnerstraße und schildert in einem kurzen Text, welche Gedanken einem Vortragsreisenden in der Kölner U-Bahn durch den Kopf gehen und – wie er am Morgen danach im Hostel „Weltempfänger“ aufwacht. Und die Ehrenfelder Schriftstellerin Margit Hähner schildert aus der Sicht einer Nachbarin, wie sie den Betrieb des Bordells „Römerbad“ in der Piusstraße erlebt hat von dessen Provisionen viele Jahre lang so mancher Kölner Taxifahrer profitiert hat und das sich heute in Bickendorf befindet. 

Fotografen und Autoren aus mehreren Ländern machen mit 

Die Subjektivität der Blicke und ein melancholischer Grundzug prägen das von Stefan Flach schön gestaltete Buch, (…). Weil das vielgestaltige „Traumgebilde“ aus Ehrenfeld hinausgewachsen ist, können auch Orte wie Berlin, Moskau, Barcelona und Peking vorkommen. Denn letztlich ist die Nacht das entscheidende Thema, die Nacht und vielerlei, was sich damit – prosaisch oder poetisch – assoziieren lässt, Sternenhimmel und Lichtsmog, Traum und Vergänglichkeit, Sehnsucht und Angst, Sex und Wehmut. Von Zitaten über kurze Erzählungen bis hin zu Gedichten: Vieles fügt sich im Zusammenspiel mit den Bildern stimmig ein, anderes wirkt etwas willkürlich dazu genommen in diesem Kaleidoskop, das Autoren und Fotografen aus mehreren Ländern zusammenbringt, darunter ausländische Schriftsteller, die dem Exil PEN angehören. Ungefähr in der Mitte des Bands findet sich dieses Gedicht von Rosenthal, dem er den Titel „Zeit“ gegeben hat:

„Zeit zur Rückkehr
In die majestätische
Beliebigkeit Ehrenfelds,
Viertel großer Nachkriegsversuchungen,
Illusion einer verwundeten Stadt,
Aus der verlorene Träume
Dich ansehen.“ 

Peter Rosenthal

Peter Rosenthal (Hrsg.): Nachts nicht weit von wo. 160Seiten, Weissmann Verlag, 19,95 Euro

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„Auf der dunklen Seite Ehrenfelds“

Artikel in der Kölnischen Rundschau vom 6.3.2020

„Nachts nicht weit von wo“ ist die erste Veröffentlichung des neu gegründeten Weissmann-Verlages von Hans-Willi Hermans, Kölnische Rundschau – Freitag, 6. März 2020

Sie ist nicht einfach der Tag in einer mangelhaft beleuchteten Version, sie ist eine Sphäre mit ganz eigenen Gesetzen: In der Nacht werden die Konturen unscharf, die Zuschreibungen, Bedeutungen ändern sich. Wer sich hinaus in die Nacht begibt, setzt sich dem Geheimnisvollen, dem Unberechenbaren aus, mag auf Poesie stoßen. Peter Rosenthal beschreibt den Gegensatz am Anfang des Bandes „Nachts nicht weit von wo“ anschaulich in der Geschichte vom Clown Francesco, der nachmittags in die Praxis des Autors an der Venloer Straße zu Blutabnahme und EKG kommt, abends aber den Arzt in seinem Zirkus begrüßt, in einer Welt, die mit einem „magischen Schleier“ umhüllt ist. 

Paar auf dem Bordstein 

Gedichte, Aphorismen und Prosa-Formate der unterschiedlichsten Autoren sowie eine Vielzahl von Fotografien versammelt die erste Veröffentlichung des neuen Kölner Verlags Weissmann, um das Wesen der Nacht zu ergründen. In einer assoziativen, selten inhaltlich begründeten Anordnung von Texten und Bildern geht es um Tanz und Taumel, Rausch und Absturz, Zärtlichkeit und Gewalt. Auf dem Streifzug durch die Dunkelheit treffen wir Immanuel Kant und William Butler Yeats ebenso wie den jungen Ehrenfelder Buchhändler und Dichter Christoph Danne, trinken ein Bier mit einem melancholischen Paar auf dem Bordstein vor einem Kiosk und erfahren, was nachts auf dem Platz des Himmlischen Friedens so läuft. Natürlich geht es auch um Liebe, ein schwankendes Gefühl, das sorgsam ertastet werden will. Und auch des einstigen Edelbordells in der Piusstraße wird gedacht, die ansehnliche Kneipen-, Bar- und Rotlicht-Szene des Stadtteils steht jedoch keineswegs im Mittelpunkt. In Ehrenfeld wurde auch der überwiegende Teil der Fotografien aufgenommen, schon der Einband zeigt den derzeit wegen Bauarbeiten verhüllten Turm von St. Joseph. „Wir wurden hier im Veedel zu diesem Thema inspiriert, sind aber im Schutze der Nacht hinausgeschlichen und haben uns auch anderswo umgesehen“, erklärt Rosenthal lächelnd.

Grafiker Stefan Flach, der für das Design des Bandes zuständig war und dessen Schreibtisch 18 Jahre lang in einer Ehrenfelder Bürogemeinschaft stand hält die Konzentration auf den Stadtteil ebenfalls für naheliegend: „Hier gibt es solch eine Vielzahl unterschiedlicher sozialer Gruppen, Milieus und Lebensentwürfe, man hat alle möglichen Facetten des sozialen Lebens vor Augen.“ Das Veedel als soziokulturellen Entwurf hatte Peter Rosenthal bereits als Herausgeber des Bandes „Venedig ist auch nicht viel größer als Ehrenfeld“ behandelt, der im Stadtteil zum Top-Seller wurde: 4.000 Stück davon hat allein die Bunt-Buchhandlung an der Venloer Straße (und andere Bücherläden in Ehrenfeld A.d.R.) verkauft, mehr als von jeder anderen Buchveröffentlichung bis dato.

Flach hatte bereits die Gestaltung des 2017 erschienenen Bandes übernommen, für das „Nacht“-Projekt beschlossen die beiden, einen eigenen Verlag zu gründen. Schon, weil man da vom Inhaltlichen über die Wahl des Papiers bis zum Vertrieb, der im Wesentlichen über den persönlichen Kontakt mit den Buchhandlungen laufen soll, alles selbst in der Hand habe. 

Weissmann Verlag heißt die Neugründung nach dem Dritten im Bunde, Michael Weißmann, der im kaufmännischen Bereich tätig ist und im Belgischen Viertel lebt – „Ost-Ehrenfeld“ sozusagen. 

„Seit etwa 50 Jahren bin ich aber auch begeisterter Hobby-Fotograf und habe viele Aufnahmen in Ehrenfeld gemacht.“ Der Titel des neuen Bandes übrigens ist ein abgewandeltes Zitat von Stefan Zweig, der einst, als er im brasilianischen Exil lebte, auf seinen neuen Wohnsitz angesprochen wurde: „Das ist aber weit weg.“ Zweig hatte darauf entgegnet: ,,Weit von wo?“. Dem gebürtigen Rumänen Rosenthal, selbst Mitglied des Exil Pen, gefiel das Unbestimmte dieser Antwort, das passe auch zum Thema Nacht. 

ln verlassenen Häusern 

Der Tag kommt nicht so gut weg, als er schließlich anbricht. Mit dem letzten Satz eines Texts von John Williams: „Und der Morgentau verströmte einen modrigen, übel riechenden Duft, der ihm so unangenehm in die Nase drang wie der muffige Geruch düsterer Zimmer in verlassenen Häusern“, schließt ein durchaus anregender Band, der die Nacht selbstverständlich nicht erschöpfend erkunden kann und soll. Für den Weissmann Verlag wird es aber weitergehen, die drei frisch gebackenen Verleger haben allerdings keine Eile und warten auf die nächste Inspiration: „Heimat, und wie sie sich für die zahlreichen Migranten darstellt, die mittlerweile in Ehrenfeld leben – das könnte so ein Thema sein“, deutet Rosenthal an.

Das Buch 

Auf den 160 Seiten des Buches „Nachts nicht weit von wo“ finden sich 41 Beiträge, Erzählungen, Gedichte und mehr von 15 Autoren sowie 76 Farbfotografien von elf Fotografen aus Ehrenfeld und „dem Rest der Welt“. Erhältlich zum Preis von 19,95 Euro im Buchhandel oder direkt über die Website www.weissmann-verlag.de.

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Wenn es Nacht wird in Köln.

Foto: Nina Goldhammer

Einige Ausschnitte aus der wunderbaren Rezension unseres Buches in Ninas Buchblog:

Ich wandere glücklich durch die Buchseiten wie durch die schwül-warmen Straßen am ersten Juli 2001, am Barbarossaplatz wird es langsam dunkel, und überall sind Menschen, zwischen Kyffhäuser und Zülpicher, lachend und schwatzend und scherzend und trinkend und manchmal auch schon deutlich schwankend. (…)

Das Buch ist matt und dunkel wie Stadt-Asphalt, kurz bevor der Regen drauffällt und das ganze Konfetti wieder zu matschiger Großstadtpampe macht. (…)

Man sagt, Köln sei ein Gefühl. Für mich ist Köln ein Buch.

Denn hier erzählen sich die Leute in der Tat genau solche Geschichten, ejal wo de bess. Im Kiosk, wo noch Licht brennt, in der Schlange vor Poldis Fressbude oder in der Bahn kurz vor der nächsten Haltestelle. Das Buch liest sich demnach, als hätte man diese ganzen lichten Momente und Begegnungen zusammengetragen, unterbrochen nur von Fotos, deren Schönheit darin liegt, dass sie sich nicht schön gemacht haben, bevor sie losgezogen sind. Auch das ist sehr kölsch, denn während der Hamburger noch seinen hellblauen Hemdkragen zurechtrückt, hat man hier in jeder Kaschemm schon drei Kölsch weg und vier neue Freunde. (…)

Nacht hin oder her: NACHTS NICHT WEIT VON WO schafft es, dass sich ein Köln-Gefühl in mir ausbreitet wie das Grinsen beim Anblick des Kölner Doms: Ich kann es nicht verhindern, und ich würde auch niemanden mögen, der es versucht. Ob es für Ortsfremde zu empfehlen ist? Ja. Und mach, dass du nach Köln kommst, du armer, unglücklicher Tropf.

Fazit: Kaufen und durch Köln ziehen. Literarisch oder zu Fuß.

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„Ausflüge in eine Zwischenwelt“

Auszüge aus dem Blog „Ehrenveedel“ von Thomas Reinert:

Die Stunden nach Mitternacht, in der Gewissheiten verschwimmen und Selbstverständlichkeiten wanken. Wenn der Reiz des Abends verflogen ist und die Normalität des Morgens noch nicht greifbar. In Peter Rosenthals jüngstem Buchprojekt tauchen fünfzehn Autoren und elf Fotografen ein in diese befremdliche, aller Vertrautheit beraubte Zwischenwelt. 

„Nachts nicht weit von wo“ kommt auf Katzenpfoten daher. Klagt nicht an, bietet weder Diagnose noch Rezept. Verschreibt sich stattdessen ganz einer Stimmung, die rätselhaft ist und allgegenwärtig, unmittelbar und zeitlos. Einsamkeit, Sehnsucht und eine Prise Hoffnung.

Ja, es ist ein melancholisches Buch. Mit nächtlichen Bildern, die sich nicht verzweifelt an grell erleuchtete Vertrautheiten klammern. Doch der Arzt, der in seinem Leben wohl so viele Patienten gesehen hat wie das Müngersdorfer Stadion Plätze zählt, weiß zwischen Melancholie und Resignation zu unterscheiden. 

Nach Mitternacht macht sich frei, was tagsüber fein säuberlich verpackt in einer dunklen Ecke schlummert – Sehnsucht nach Heimat genauso wie nach Leidenschaft.

Zum Blog: https://ehrenveedel.net/peter-rosenthal-nachts/

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Buchbesprechung und Interview mit Martin Stankowski bei WDR3 – Kultur am Mittag, Sendung vom 31.12.2019

Screenshot WDR3

https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr3/wdr3-kultur-am-mittag/audio-koeln-bei-nacht-als-buch-100.html

31.12.2019 WDR 3 Kultur am Mittag

„Nachts nicht weit von wo“ heißt ein neues Buch, in dem alt eingesessene Kölner Autoren aber auch Autoren, die in Köln Zuflucht gefunden haben, von Köln in der Nacht erzählen. Dazu ein Gespräch von Sascha Ziehn mit Martin Stankowski.

Was in den vermeintlich normalen Nächten passiert und was die Nacht mit einem macht, wenn man gerade mal nicht schläft, darauf schauen Peter Rosenthal, Michael Weißmann und Stefan Flach in ihrem Buch „Nachts nicht weit von wo“, das Ende 2019 im Weissmann Verlag erschienen ist. Martin Stankowski hat sich für die WDR Sendung „Kultur am Mittag“ ins Nachtleben in Buchform gestürzt.

Sascha Ziehn: Welche Blicke in die Nacht gibt es denn in diesem Buch?
Martin Stankowski: Das sind Fotos als Bildblicke und das sind Textblicke. Also Texte kann man eigentlich nicht Blicke nennen, es sind Assoziationen, Erinnerungen, es geht um Abschied, es geht manchmal um Tod, es geht um Sex, es geht um viel Kultur und es geht um die Ruhe in der Nacht, oder die Sehnsucht nach der Ruhe in der Nacht.

Wie ist das Ganze gestaltet, in welchen Formaten wird dieses Thema Nacht in dem Buch präsentiert?
Es gibt eigentlich alle literarischen Formate die man sich vorstellen kann. Es gibt Lyrik, es gibt kurze Sentenzen, es gibt Zitate, es gibt kleine Erzählungen und dazu gibt es mehrere Fotostrecken von verschiedenen Fotografen die zusammengeholt worden sind, wie auch die verschiedenen Autoren, und sie alle beschäftigen sich mit dem sehr subjektiven Blick in die Nacht.

Mir gefallen diese Bildstrecken, die die Nacht mit dem Schwerpunkt Ehrenfeld fotografieren. Ehrenfeld ist ein Kölner Stadtteil – ein alter Arbeiter-Stadtteil – der so ein Art Szene Stadtteil geworden ist. Es gibt Schwarz-Weiß und Farb-Bildstrecken, die mir sehr gut gefallen, in der Tätigkeiten oder Blicke auf das Leben auf der Straße in der Nacht dargestellt werden. Also immer im öffentlichen Raum, nicht im privaten Raum.

Es gibt zum Beispiel einen Autor, Albrecht Classen – das hat mir sehr gut gefallen – der bedauert wie hell es geworden ist. Er schreibt: „Man hat uns die Nacht geraubt“ und „Gott sprach es werde Licht“ seitdem leuchtet es auch von allen Seiten prächtiger und heller, als es sich der gute Schöpfer hätte je ahnen lassen. Die Helligkeit ist also auch ein Thema, das in diesem Buch vorkommt.

Nacht kann ja auch immer so ein bisschen Klischee sein. Auf der einen Seite ist es das Partyvolk, auf der anderen Seite vielleicht die leeren Straßen, die Melancholie und Einsamkeit die da vielleicht auch mitschwingt. Wo arbeiten sich die Fotografen in dem Buch entlang?
Es geht um sehr subjektive Blicke oder Eindrücke. Es geht sehr stark um Melancholie, um die Erfahrung der Nacht, die Tätigkeit in der Nacht. Aber dabei wird es nicht in irgendeiner Weise idealisiert. Es geht im Buch nicht darum, zu sagen: das ist das tollste, sondern die Nacht ist einfach ein Teil des Lebens.

Bei den Bildern ist mir aufgefallen wie viele kulturelle Aktivitäten in der Nacht stattfinden, wie zum Beispiel Musikveranstaltungen, Performances auf der Straße, Theaterstücke, usw. – das ist natürlich in einem Stadtteil fotografiert, der sehr lebendig ist. Man muss aber auch dazu sagen, Ehrenfeld, das ist zwar der Ort in dem viele Bilder aufgenommen wurden – aber es geht in dem Buch nicht um Ehrenfeld. Das ist wie eine Art Metapher: man könnte das in jedem anderen Stadtteil, in jeder anderen Stadt genauso machen. Wie ist das eigentlich mit der Dunkelheit? Wie ist es mit der Sexualität? Wie ist es mit dem Thema Abschied? Wie ist es mit dem Thema Alkohol? Das wird auf eine sehr feinsinnige Art gemacht.

Ich glaube, es spielt auch eine große Rolle, dass es sehr unterschiedliche Autoren sind. Es gibt ja – das wusste ich vorher auch nicht – einen Exil PEN Club. Das sind Autoren in der internationalen literarischen Gemeinschaft PEN, die auf Deutsch schreiben aber nicht in Deutschland leben. Oder die in Deutschland leben aber aus einem anderen Land kommen. Solche Autoren sind zu dem Buch eingeladen worden, mit sehr kurzen knappen Assoziativen Texten beizutragen.

Das Buch ist dem neuen Kölner „Weissmann Verlag“ erschienen. Es ist die Premiere, der erste Titel. Wer verbirgt sich hinter diesem Verlag und was ist die Idee dahinter?
Michael Weißmann, nach dem der Verlag benannt ist, ist der Hauptfotograf dieses Buches. Dazu gehört der Designer Stefan Flach. An dieser Stelle muss ich erwähnen, es ist ein typografisch und grafisch wunderbar gestaltetes Buch. Und der Dritte im Bunde ist Peter Rosenthal. Er ist Arzt in Köln, stammt aus Rumänien und hat schon eine ganze Reihe Bücher wie z.B. ein wunderbares „Ehrenfeld Alphabet“ gemacht.

Peter Rosenthal und Stefan Flach haben vor zwei Jahren schon ein Buch „Venedig ist auch nicht größer als Ehrenfeld“ herausgebracht das eher soziologisch, politisch, historische Texte darstellte. In ihrem neuen Nacht Buch geht es nie um Politik. Nicht ein einziges Mal. Und es geht nicht um soziologische Annäherung. Man könnte ja über die Arbeit in der Nacht schreiben. Oder über die Frage wie der Verkehr in der Nacht aussieht. Alles das spielt hier keine Rolle, es sind in dem Nacht Buch die sehr subjektiven Blicke.

Und die drei haben sich nun zusammengetan und haben einen neuen Verlag gegründet. Es ist nun der erste Titel erschienen. Als Büchermacher sind sie neu aber die drei sind ja Profis in ihrem jeweiligen Gewerbe, sie haben ein sehr schönes Buch gemacht. Mit viel Engagement und mit viel Liebe. Man kann wunderbar darin blättern, man kann sich in die Texte vertiefen, man kann seine eigenen Assoziationen laufen lassen und hat ebenso ein schönes Buch zum verschenken.

Peter Rosenthal ist eigentlich Arzt im normalen Leben. Er hat schon mehrere Bücher über und auch an seinen Stadtteil Ehrenfeld geschrieben. Was interresiert ihn denn so an dieser – nennen wir es mal Heimatliteratur?
Es ist Heimatliteraur und es ist keine Heimatliteratur. Heimatliteratur insofern in dem es sich um den Ort handelt, der an dem er lebt und arbeitet. Er hat sozusagen eine „Allerweltspraxis“. Er hat sich sehr beim Kölner Appell engagiert, eine der ältesten Anti Rassismus Initiativen in Köln. Aus diesem Umfeld hat er Menschen, auch als Patienten kennengelernt – gleichzeitig ist auch hier Heimat die Metapher für die Sehnsucht die man hat, oder für die Sehnsucht die man hat, dass es besser wird, oder Sehnsucht nach dem Ort, an dem man sich wohl fühlt. Das ist in diesem Fall Ehrenfeld, könnte aber auch Köln-Nippes, im Rechtsrheinischen oder in Bergisch-Gladbach oder Hannover sein.

Funktioniert das denn? Vermittelt „Nachts nicht weit von wo“ so ein Nachtgefühl beim lesen und anschauen?
Nein es ist natürlich kein Nachtgefühl. Nachtgefühl kann sich nur entwickeln wenn ich in der Nacht bin, das ist klar.

Und es ist subjektiv, also die Frage ist ob man selber mit seinen Erinnerungen mit seinen Assoziationen damit etwas anfangen kann. Ich konnte das. Was ich sehr schön finde – der Untertitel Ehrenfeld der im Titel nicht so heißt, der aber gemeint ist, kommt nur sehr indirekt vor. Es gibt hier mal ein Foto von einer Straßenbahnhaltestelle oder es gibt da so ein Foto von einer Dönerbude. „Kebabland“ heißt die. Das Kebabland ist zum Beispiel einer der Kult-Fress-Schuppen in Köln Ehrenfeld. Es gibt ein wunderbares Zitat von Jan Böhmermann:

„Begrabt mein Herz im Kebabland. … und das mein Herz dann am Herz- und Nieren Spießchen landet.“

Jan Böhmermann

Das ist so ein kleiner Hinweis auf den Ort. Wenn man abends oder nachts gerne eine Kleinigkeit lecker essen gehen will, dann geht man in so eine Dönerbude, dann geht man zum Kebabland – wenn man im linksrheinischen in der Ecke von Ehrenfeld unterwegs ist. Aber gleichzeitig wird die Geschichte nicht genau thematisiert. Sondern nur als Foto. Es kommt also nur assoziativ vor. Das bedeutet mit den eigenen Erinnerungen und Erfahrungen ist man mit dem Buch wunderbar bedient.