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Cluj – Der Traum ist unser geheimes Zuhause   Klausenburg – Visul e casa noastră secretă

Cluj – Der Traum ist unser geheimes Zuhause   Klausenburg – Visul e casa noastră secretă – ISBN 978-3-949168-03-1

„Cluj – Der Traum ist unser geheimes Zuhause  / Klausenburg – Visul e casa noastră secretă“ ist eine rumänisch-deutsche Text Auslese der Partnerstadt von Köln: Cluj/Klausenburg.

Der Weissmann Verlag hat gemeinsam mit der rumänischen Schriftstellervereinigung Klausenburg ein literarisches und zugleich städtepartnerschaftliches Projekt verwirklicht. Klausenburger Schriftsteller haben mit ihren deutschen Kollegen diese Sammlung zusammengestellt, die – hier wie dort – den gemeinsamen europäischen Traum erzählen. Ein Traum, der wie auf einem Spaziergang durch die rumänische Stadt, ein „zu Hause“ sucht und findet.
 
Gemeinsam mit der rumänischen Schriftstellervereinigung Klausenburg hat der Kölner Weissmann Verlag mit „Cluj – Der Traum ist unser geheimes Zuhause  / Klausenburg – Visul e casa noastră secretă“ ein literarisches und städtepartnerschaftliches Projekt verwirklicht. Klausenburger Schriftsteller haben mit ihren deutschen Kollegen diese Sammlung zusammengestellt, welche – hier wie dort – von einen gemeinsamen europäischen Traum handelt. Ein Traum, in dem man wie auf einem Spaziergang durch die rumänische Stadt ein „zu Hause“ suchen und finden kann:
Sânziana Batişte wird gleich zu Beginn, sich noch in einem Fahrzeug befindend, den Handschuh in den Ring werfen. Claudiu Groza wird als nächster morgens zwischen 4 und 6 Uhr nach einer durchzechten Klausenburger Nacht einsteigen. Wenn danach Unklarheiten aufkommen sollten, werden sie von Eugen Cojocaru sicherlich geklärt, auch was es mit dem „eigelben Kanarienvogel mit weichen Federn und Tintenaugen“ auf sich hat.

Dann aber ist Zeit für ein Glas „Wasser aus Cluj“ mit Ion-Pavel Azap. Wenn Hunger aufkommt, werden wir auf das Herkömmliche, wie zum Beispiel die Klausenburger Krautfleckerl (Varză de Cluj) verzichten und werden einen postdadaistischen Imbiss nehmen, serviert von Victor Ţarină (natürlich nachdem wir mit ihm auch die Angel ausgefahren haben). Doina Cetea begleitet uns entlang der „Langen Straße“ mit einer 4/4 Postkarte als Reiseführerin, um in der „Mitte“ anzukommen, wo Irina Petraş zwei Hälften des eigenen Lebens zu einem Ganzen fügt – es hätte auch unseres sein können.

„Diese Stadt kann ich nicht mehr verlassen, obwohl es mir klar geworden ist, dass ihr etwas fehlt. Im Übrigen bin ich auch nicht das geworden, was ich mir gewünscht hatte, ich bin nur nahe drangeblieben.“

heißt es dann in Alexandru Vlads „Die Stadt aus meiner Sicht“. Anschließend begeben wir uns mit Andrea Ghiță in die Donath Straße und besorgen uns gemeinsam mit ihr einen schönen Strauß blühenden Flieder.

Das Hardcover fadengeheftete gebundene Buch hat 144 Seiten ist durchgehen zweisprachig deutsch-rumänisch und ist mit stimmungsvollen Schwarz-Weiss Fotografien aus Cluj-Napoca illustriert.


Auf diese Weise gestärkt und vorbereitet geht es zunächst hinauf zur kleinen Burg, wo uns der Dichter Imre József Balász, eine Skulptur in die Luft schnitzt und dann werfen wir unseren Blick in, lassen es aufleuchten mit und von Ion Mureșan:

„Und ich denke, nach und nach dem Weg der Kerzen folgend wird der kleine Friedhof meines Dorfes eine Reise um die Erdkugel gemacht haben und eines Tages, vielleicht in tausend Jahren, werden die Kerzen gleich den Schiffen Magellans, dahin zurückkommen, von wo sie einst in die Ferne gesegelt sind.“


Schließlich begeben wir uns in die Hände der Arztkollegen Andrei Schwartz, Filippo Modica und Severin Maier Hasselmann, die uns in nostalgischen Rückblicken erklären, wie es ist, in Klausenburg geboren zu sein und später die Stadt verließ, oder wie es ist, als Fremder sich dort zum Studium einzufinden. Bevor zum Schluss Peter Rosenthal noch einmal das Wort ergreifen wird, führt uns Marcus Bauer (der eigentlich in Berlin zu Hause ist) durch das postmoderne Mărăști. Und, wie so häufig, hätten wir fast vergessen noch eine Postkarte zu senden, von da nach dort: Damit grüßt uns schließlich Vasile Gogea.

Das Hardcover fadengeheftete gebundene Buch hat 144 Seiten ist durchgehen zweisprachig deutsch-rumänisch und ist mit stimmungsvollen Schwarz-Weiss Fotografien aus Cluj-Napoca illustriert. Das Buch kann online sofort hier erworben werden.

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Draussenseiter – Das Kölner Straßenmagazin

Der Fotoband des Kölner Fotografen Stefan Flach ist entstanden im Sommer 2020 auf Mallorca, am berühmten Strandabschnitt an der Playa de Palma – besser bekannt als „Ballermann“. Er reiste dorthin mit der Idee, den verlassenen Ballermann in der Pandemie einzufangen. Ähnliche Projekte mit geschlossenen Freizeitparks hatten ihn auf die Idee gebracht. Nicht ganz klar war, ob er überhaupt dorthin reisen durfte, doch dann hat es spontan geklappt. Denkt man bei Ballermann als erstes an die kontroverse deutsche Feierkultur, zeigen diese Fotos genau das Gegenteil: Eine leere Promenade und nüchterne Kneipenfassaden, soo wie es sich der ein oder andere Einheimische wünschen würde, ohne betrunkene Touristen*innen und deren Hinterlassenschaften (der Putzeimer mit Sangria ist mittlerweile nicht mehr erlaubt).

Stefan Flach ist bei Recherchen für sein Buch auf das Paar Annette und André Engelhardt gestoßen. Die Engelhardts haben sich den Begriff „Ballermann“ rechtzeitig schützen lassen und sind damit reich geworden. Jeder Gastwirt, der eine Ballermann-Party veranstalten möchte, muss die beiden um Erlaubnis fragen und Lizenzen bezahlen. Sie kommen im Buch genauso ehrlich zu Wort wie mallorquinische Angestellte im Tourismus, die eine negative Meinung zum Sauftourismus haben. André Engelhardt sagt im Buch: „Der Ballermann ist kein Ort. Er ist vor allem eine Marke und ein Lebensgefühl für eine Gemeinschaft die gerne zusammen feiert.“ Man kann dieses Gefühl auch in einer Kneipe in Köln erleben, wenn man will.

So erfährt man auch, wie der FC Merowinger 1972 erstmals als Thekenmannschaft an die Playa de Palma reiste. Weil das damals schon billiger war als ein Urlaub in Westdeutschland. Im Handgepäck die Kölsch-Fässer und Töpfe voller Gulasch, weil se der spanischen Küche misstrauten. Und da ein Kölner auch in fremden Ländern stets zeigen muss, dass er ein Kölner ist, kamen auch die Karnevalskostüme am Strand zum Einsatz.

Die 37 farbigen, anschaulich schlichten Fotos zeigen die Touristenhochburg ohne Leuchtreklame und Partys um 5 Uhr 30. Nur leer Straßen, verrammelte Eingänge und verwaiste Plätze. Absperrgitter ohne Schlangen. Der Bierkönig unscheinbar wie eine Lagerhalle (auf dem Cover). Tristesse weit und breit, wo doch sonst gerne gefeiert wird.

Keine Cordula Grün und keine zehn nackten Frisösen weit und breit. Nicht mal eine.

Auch der Kölner Fotograf Chargesheimer zeigte schon in seinem Buch „Köln5Uhr30“ das menschenleere Köln und das nackte Bild einer Stadt, die ohne deren Menschen schön hässlich und einsam wirkt. Diese Parallele ist natürlich beabsichtigt.

Flach schreibt in seinem Buch: „Ohne die vielen Menschen wirkt der Ort grotesk, auf eine brutale Art entzaubert, enttarnt als billige Fassade.“ Derart stillgelegt, strahlt der Ballermann tatsächlich nur Schäbigkeit und Tristesse aus. Nichts, was sich für die Bewohner*innen von S’Arenal zurückerobern lohnte. Auch kein Ort, der besonders reizvoll ist, wenn man ihn für sich ganz alleine hat. Eine Geisterstadt, ganz ohne Geheimnisse.

Ein schönes Fotobuch, ansprechend gestaltet, Fotos einheitlich farbig, mit vielen interessanten Texten, Gedanken und Infos. Für jeden*jede der*die schon mal dort war oder mal wieder hin möchte, ein Muss – aber ihr solltet vielleicht besser erst nach der Pandemie wieder dort hinfliegen. Die Autorin war selber schon mal am Ballermann und hat es dort auch zu normalen Zeiten sehr irritierend gefunden. Gut, dass diese schöne Insel noch sehr viel mehr zu bieten hat!

Anemone Träger

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Weder Literatur noch Medizin können das Wohnungsproblem lösen.

„Ich wohne in einer schönen Wohnung – sie gehört mir. Früher habe ich auch in einer schönen Wohnung gewohnt – sie gehörte der Rumänischen Sozialistischen Republik. Vor einigen Wochen hatte ich ein Obdachlosenheim besucht, um mit zwei ehemaligen rumänischen Mitbürgern ein Interview über ihre Situation zu machen. Aus dem Interview wurde ein Essay, weil ich mich nicht an die Zwiespältigkeit ihrer Situation herantraute. Im Weissmann Verlag erschien dieses Essay in dem Buch „RatSchläge“, welches sich mit der Situation von Menschen befasst, die kein Zuhause haben.

In einer Zeit in der Wohnraum ein hart umkämpftes Spekulationsobjekt ist, halte ich jede Form der Hin- und Zuwendung an die Opfer dieses Verdrängungsprozesses für unerlässlich (selbstverständlich auch das Impfen gegen COVID). Weder Literatur noch Medizin können das Wohnungsproblem lösen, dies bleibt Aufgabe der Politik, welche z.B. im Rat entscheiden kann, wie man unseren Buchtitel „RatSchläge“ zu verstehen hat. Als Autor, kann ich auf diese Probleme lediglich aufmerksam machen und als Arzt nur mildern.“

Peter Rosenthal

https://www.ksta.de/koeln/aktion-in-skm-einrichtung-stadt-koeln-impft-wohnungslose-menschen-in-merheim-38378966

Aktion in SKM-Einrichtung Stadt Köln impft wohnungslose Menschen in Merheim

Als Impfarzt Peter Rosenthal in die Einrichtung für Wohnungslose an der Ostmerheimer Straße 220 angekommen ist, bildet sich eine kleine Schlange von Menschen. Etwa ein Dutzend Obdachloser hat sich eingefunden, um eine Spritze mit dem Impfstoff gegen Corona zu erhalten. „Mit der Spritze haben wir endlich wieder die Chance auf mehr Freiheit“, sagt einer aus der Schlange. „Wir sind wieder näher dran an der Normalität.“

Mobile Teams und Schwerpunktaktionen

Seit der vergangenen Woche impft die Stadt wohnungslose Menschen. Mobile Teams haben Menschen in Wohngruppen aufgesucht, dazu gibt es auch Schwerpunktaktionen an Orten der Kontakt- und Beratungshilfe für Obdachlose. Für die Impfaktion am Dienstag ist der Ehrenfelder Hausarzt Rosenthal in die Einrichtung des Sozialdienstes Katholischer Männer (SKM) an der Ostmerheimer Straße 220 gekommen, die seit ein paar Monaten im Rahmen der Winterhilfe wohnungslosen Menschen ein Dach über dem Kopf, Beratungen, soziale Kontakte, etwas zu essen und vieles mehr bietet. Weitere Aktionen sollen in den kommenden Tagen folgen.

Geimpft wurde zum Beispiel Christian Dahmen (57). Der gebürtige Berliner war einst Buchhalter und hatte BWL studiert. Vor 15 Jahren wanderte er nach Kanada aus und hat sich dort durchgeschlagen. War zum Beispiel am Schalter einer Fluggesellschaft tätig und hat in einer Galerie gearbeitet. „Die Löhne waren nicht toll, ich war unzufrieden“, sagt er. Mitten in der Corona-Pandemie hatte er genug Geld, um nach Europa zurückzuehren, war in Italien, dann in Bayern, bevor er nach Köln gekommen ist. Ein paar Tage hat er im Annohaus an der Severinstraße gelebt, ein paar Tage in einem Hotel, schließlich kam er in die Merheimer Einrichtung. Auf die Impfung hat er sich gefreut, er möchte mal wieder Essen gehen oder ausgehen. All das könnte möglich sein, denn nun habe er Job und Wohnung in Aussicht.

Sein Zimmer in der SKM-Einrichtung teilt er mit Burkhard Künne (57), den es aus Helmstedt nach Köln verschlagen hat. Künne verlor Frau und Arbeit, und hat sich gefragt, was ihn noch in Helmstedt halte. „Ich habe mich dann auf Achse gemacht“, sagt er. Ein paar Monate war er unterwegs, ist mit dem Zug aufs Geratewohl nach Herne gefahren, landete im März 2021 in der Kölner Bahnhofsmission jn anschließend in Merheim. Auch er hat einen Job in Aussicht: Wenn alles gut geht, kann er in Kürze in einer Sicherheitsfirma anfangen.

Pandemie für Wohnungslose besonders gefährlich

Rainer Best, SKM-Fachbereichsleiter für Notunterkünfte, begrüßt die neue Impfkampagne. Wohnungslose Menschen seien in der Pandemie besonderen Gefahren ausgesetzt, sagt er. „Das Leben auf der Straße hat viele Risiken. Viele der Menschen sind vorzeitig gealtert.“ Viele seien zudem chronisch krank, manche tränken viel Alkohol oder nähmen Drogen, ergänzt Einrichtungsleiter Dietmar Beauvisage. Die Pandemie habe es den wohnungslosen noch schwerer als sonst gemacht, über die Runden zu kommen. Weil während des Lockdowns weniger Menschen als üblich unterwegs seien, hätten Wohnungslose weniger Geld durch Betteln oder Flaschen sammeln. Selbst eine Toilette zu finden sei ein Problem, weil die Restaurants derzeit geschlossen haben.

Laut Stadt wurden seit dem 5. Mai insgesamt 539 wohnungslose Menschen geimpft. Die Kommune setzt bei den Impfaktionen auf Präparate des Herstellers Johnson & Johnson. Für eine Immunisierung reicht anders als bei anderen Herstellern eine einzige Spritze. Dies sei ein entscheidender Vorteil bei einer Klientel, bei der man nicht genau wissen, ob man sie zu einem zweiten Termin antreffe, so ein Stadtsprecher. Etwa 6000 wohnungslose Menschen gibt es nach Angaben der Stadt in Köln. Laut Schätzungen leben etwa 300 von ihnen auf der Straße, der Rest schläft bei Freunden oder in städtischen Notunterkünften.

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Von der Ästhetik der Leere

Mallorca Zeitung – Nr. 1.093 – 15. April 2021

Ein deutscher Urlauber besuchte ausgerechnet im Juli 2020, mitten in der Pandemie, zum ersten Mal den Ballermann. Seine Eindrücke hat der Grafik Designer nun in einem Bildband dokumentiert, der Zeitzeugnis sein soll.

Was er den Leuten mit den Bildern vom schlafenden Ballermann zeigen wolle – die seien doch total trist, das wolle bestimmt niemand sehen, musste sich Stefan Flach immer wieder anhören. Doch davon ließ er sich nicht abhalten. Der 55-jährige Grafikdesigner hatte aus­gerechnet im Sommer 2020, mitten in der ­Pandemie, zum ersten Mal die Partymeile besucht. Zu sehen bekam er freilich keine Party: Statt Menschen, die auf Tischen tanzend Schlager mitgrölen, Sangria in sich ­hineinfließen lassen oder mit Sonnenbrand ihren Rausch am Strand ausschlafen, fand er menschenleere Strände, verrammelte Fenster und verriegelte Gitter vor Lokalen vor. Die ­Partymeile war komplett trockengelegt.

Seinen frühmorgendlichen Streifzug an der Playa dokumentierte der Urlauber mit reichlich Fotos. 37 davon hat er nun in seinem Bildband „Ballermann 5 Uhr 30″ veröffentlicht. „Ich hatte bis dahin nur den Mythos im Kopf. Dass ich schon einen Tag vor meiner ­Familie auf der Insel war, wollte ich ausnutzen, um den Ballermann so kennenzulernen, wie es ihn womöglich erst einmal nicht mehr ­geben wird”, schildert Flach am Telefon. Die ­Situation sei unwirklich gewesen. „Dort, wo ­eigentlich das Leben tobt, war auf einmal nichts mehr. Stille. Kein Mensch auf der ­Straße. Alles hatte zu”, so der Deutsche.

In der Leere der aufgenommenen Lokale sah er aller Tristesse zum Trotz auch eine gewisse Ästhetik: „Es sind Räume, die sich um Menschen drehen, nur für sie gebaut wurden. Und genau die sind plötzlich nicht mehr da. Das ist ein verwirrendes Bild, eines, das man nicht sofort versteht. Wohl aber denkt man ,Hier ist etwas passiert'”, so Flach.
Dass die Fotos vor allem regelmäßige Feier-Touristen wehmütig stimmen dürften, dessen ist sich der Grafikdesigner bewusst. „Ich rechne auch nicht damit, dass demnächst der Aufkleber ,Spiegel-Bestseller’ das Cover zieren wird. Es ist klar, dass es kein Buch ist, das die breite Masse interessiert”, meint Flach. Vielmehr sei sein Projekt ein Zeitzeugnis, ein ­Geschenk für die Daheimgebliebenen, aber auch ein Angebot, mit dem Mythos aufzuräumen und die Perspektive zu wechseln. Das Buch solle zum Nachdenken anregen.

Dazu trägt auch der Text bei: Neben den Bildern stehen Zeilen aus Ballermann-Schlagern, Zitate aus Zeitungsartikeln, aber auch Kommentare von Menschen, die über die Arbeit an der Partymeile klagen, sowie Google-Rezensionen über die abgebildeten Lokale.

Simone Werner

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Dunkle Prophezeiung der Süddeutschen Zeitung

Stefan Fischer titelt in seinem Bericht über unser Buch „Ballermann5Uhr30“ eine unheimliche Prophezeiung: „Der Zapfhahn bleibt zu”

31. März 2021, Reisebuch zu Mallorca

Der Zapfhahn bleibt zu

“Hier ist der Himmel auf Erden, das letzte Paradies”, singt Jürgen Drews in seinem Party-Heuler “König von Mallorca”. In dem Mitgröl-Schlager huldigt er dem Ballermann, die Straßen dort mit all ihren Diskotheken, Kneipen, Biergärten, Wurstbuden und Tabledancebars nennt er schick und ein Zuhause. Als Motto gibt Drews aus: “Party feiern bis zum Morgen.”
Ein paar Straßenzüge in S’Arenal rund um die sogenannte Bier- und die Schinkenstraße, mit einem Streifen Strand davor, sind der Inbegriff der hemmungslosen Feierwut deutscher Urlauber. Bis vor einem Jahr galt: Der Ballermann ruht nie. Wenn die Party vorüber ist, sind die Hinterlassenschaften der Nacht unübersehbar: Betrunkene torkeln durch die morgendlichen Straßen oder schlafen am Strand ihre Räusche aus, inmitten des Mülls, den sie selbst produziert haben. Irgendwann wird dann aufgeräumt, und es geht von vorne los.
Diese Art des Tourismus hat viele Gegner auf der Insel. Der Fotograf Stefan Flach zitiert in seinem Band “Ballermann 5 Uhr 30” deshalb nicht nur Jürgen Drews und andere Party-Profiteure, sondern auch Gegenstimmen wie die des balearischen Tourismusministers Iago Negueruela: “Wir wollen diese asozialen Touristen hier nicht haben. Sie sollen nicht kommen.” Biel Barceló von der Bürgerinitiative Ciutat de s’Arenal pflichtet dem Politiker bei: Die Exzesse des Sauftourismus seien längst inakzeptabel, und man verstehe sich auch nicht als Freizeitpark für ausländische Touristen.

Durch die Pandemie hat die Party nun tatsächlich ein zumindest vorübergehendes Ende gefunden. Stefan Flach ist deshalb im vergangenen Juli nach Mallorca gereist, mitten in der eigentlichen Hauptsaison, und hat am Ballermann fotografiert, was es dort gemäß der Definition der vielen Ballermann-Fans gar nicht geben darf: Ruhe, Leere, Stillstand.

Flach hat für seine Aufnahmen die frühen Morgenstunden gewählt, wenn die Sonne zwar bereits aufgegangen ist, sich aber noch keine Passanten durch die Straßen bewegen. Er wollte die absolute Leere, das maximale Gegenteil der eigentlichen Bestimmung dieses Ortes, der vor allem ein Zustand ist, wie Flach in seinem Vorwort schreibt. Nicht einmal einen streunenden Hund sieht man auf den Bildern. Lediglich am Strand staksen ein paar Tauben und Möwen durch den Sand.

Stattdessen hat Stefan Flach verrammelte Türen, hochgestellte Stühle und heruntergelassene Rollgitter aufgenommen. Vor der Terrasse des Bierkönig-Bierhauses ist ein Maschendrahtzaun gespannt, der Bierkönig selbst sieht aus wie eine Lagerhalle. Keine Neonröhre blinkt, um für Sangria, Döner oder Oben-ohne-Bedienungen zu werben.
“Ohne die vielen Menschen wirkt der Ort grotesk, auf eine brutale Art entzaubert, enttarnt als billige Fassade”, schreibt Flach. Derart stillgelegt, strahlt der Ballermann tatsächlich nur Schäbigkeit und Tristesse aus. Nichts, was sich für die Bewohner von S’Arenal zurückzuerobern lohnte. Auch kein Ort, der besonders reizvoll wird, wenn man ihn für sich allein hat. Eine Geisterstadt, ganz ohne Geheimnisse.

Stefan Flach: Ballermann 5 Uhr 30. Weissmann Verlag, Köln 2020. 104 Seiten, 17,95 Euro.

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Presse und Politik über „RatSchläge“

„RatSchläge legt den Finger in die Wunde. Wohnungsnot, Obdachlosigkeit, ihre Auswirkungen, all das wird beim Namen genannt, nicht nur Zahlen, sondern Schicksale. Und zudem ein warmherziges Buch über Engagement, Kampf, Hartnäckigkeit.“

Jörg Depel, Geschäftsführer Mieterverein Köln

„Der Wohnungsbau muss in Köln wieder Priorität genießen. Dafür brauchen wir eine durchdachte, interdisziplinäre und umfassende Strategie. Denn gemeinsam können wir es schaffen, Obdachlosigkeit zu überwinden. Die RatSchläge bringen dazu notwendige Informationen und Vorschläge.“

Jochen Ott (SPD), Mitglied des Landtag

„Das Buch ist ein Beitrag wider die Gewöhnung an dieses Leid, es fordert politische Strategien statt Almosen. Es ist keine wissenschaftliche oder hoch anspruchsvolle Auseinandersetzung, mehr ein plakatives Schlaglicht auf schmerzhafte Versäumnisse. Den Autoren ist ein lesenswertes Zeitdokument gelungen.“

Helmut Frangenberg, Kölner StadtAnzeiger 3.12.20


„Das Buch ist keineswegs ein Rechenschaftsbericht der Organisatoren der Mahnwache. Vielmehr ist es eine Anklage der großen Mehrheit der politischen Entscheidungs- und Funktionsträger, die ihrer wohlfeilen Kritik an der wachsenden Obdachlosigkeit keine Taten folgen lässt.“

Junge Welt 21.12.20

„RatSchläge liefert mehr als eine Dokumentation der Mahnwache, es stellt verschiedene Kölner Initiativen vor, etwa die Sozialistische Selbsthilfe (SSM) oder Obdachlose mit Zukunft (OmZ). Auch der Streit um den Abriss der Häuser in der Egonstraße in Stammheim, für viele ein Symbol für die verfehlte Wohnungspolitik, wird nachgezeichnet“

StadtRevue 1/21


„In dem Buch wird nicht nur über den Verlauf der Protestaktion anschaulich berichtet, sondern auch über andere Konflikte von Wohnungsnot und Obdachlosigkeit. Lesenswert und auch gut zum Verschenken.“

Platzjabbeck 12/20

„Ich freue mich über das Buch. Danke. Und ich freue mich natürlich über die ‚historischen‘ Erfolge, die ihr erreicht habt und sicherlich auch weiterhin erreichen werdet. Es ist viel zu bewegen.“

Ursula Christiansen, 1990–2006 Sozialdezernentin in Köln

„Es gibt viele interessante Beiträge, z.B. Aus- und Überflüge, Binnenansichten, Meinungsäußerungen und Schlussfolgerungen mit denen Politik und Gesellschaft sich beschäftigen müssen. Es ist jedenfalls ein vielfältiges Buch zum Thema ‚Wohnung-Notstand‘.“

Marion Heuser, Mitglied des Rates, Die Grünen
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„Ballermann 5.30 Uhr“ – Statt Rausch nur Ruhe

Uli Kreikebaum schreibt im Kölner Stadtanzeiger über unser neues Fotobuch über die wegen Covid-19 geschlossene Amüsiermeile am Strand von s’Arenal bei Palma auf der spanischen Insel Mallorca.

Ballermann 5.30 Uhr

Ballermann 5.30 Uhr heisst das Buch, für das der Kölner Stefan Flach im Sommer 2020 den Strandabschnitt […] fotografiert hat“ schreibt Uli Kreikebaum in seinem Artikel im Kölner Stadtanzeiger am traurigsten Rosenmontag. Fast richtig, denn das Buch heißt Ballermann5Uhr30 🙂

Wir freuen uns trotzdem sehr über den sehr schön geschriebenen Artikel.


Statt Rausch nur Ruhe 

Der Kölner Stefan Flach hat den „Ballermann“ in Corona-Zeiten fotografiert   

In der Isolation gewinnen Gedanken an Ausschweifung mit jedem Tag an Reiz. Die soziale Monotonie und Monogamie möge eines Tages in eine Explosion der Lebensfreude münden, Zeiten von Rausch und Selbstvergessen. Zwischen alles an den Rand drängenden Corona- Nachrichten, Videokonferenzen, Lockdown-Verlängerungen und maskierten Einkäufen guckt man beim Irrlichtern durch die Stadt in die stummen Kneipen und wünscht sich, mit irgendwem im Arm auf den Tischen zu tanzen, jetzt, sofort. Karneval, Oktoberfest und Ballermann ohne Menschen, das ist die Katharsis einer Gesellschaft, die nach langem Wachstumsrausch bewusstlos geworden ist. 

„Ballermann5Uhr30“,heißt das Buch, für das der Kölner Stefan Flach im Sommer 2020 den Strandabschnitt Balnéario in Palma de Mallorca besucht hat. In schmucklosen Bildern hat der Fotograf an einemSommermorgen festgehalten, dass ein Ort, der sich über gemeinschaftliches Erleben definiert, ohne Menschen nicht existiert. Der Über-Ort Ballermann, an dem zeitgleich Tausende Menschen tranken, tanzten, Wunden leckten, ist zum Nicht-Ort geworden. Ohne Partymeute sind die teutonischen Tempel des Exzesses namens Bierkönig, Oberbayern und Megapark nutzlos. Ordinäre Lokalnamen wie „Wurstkaiser“, „Grillmüller“ oder „Schinkenbude“ klingen in derVergnügungs-Steppe plötzlich ironisch. Der Strandabschnitt mit all seinem kontrollverlustigen Leben, in dem die einen Trost, die anderen nur Tristesse fanden, ist jetzt ein Symbol für jenen Teil des Lebens, der von modernen Gesellschaften am liebsten verdrängt wird – sei es durch Rausch, Technologien oder jedwede Verjüngungsversprechen– und sich mit dem Virus plötzlich wieder eingenistet hat: DenTod. 

Der menschenleere Ballermann bietet in der Corona-Pandemie Raum für Träume und Alpträume, Assoziationen und Transitgedanken. Der vulgäre Mythos wird zu einem „mystischen Ort“, wie Flach in seinem Vorwort schreibt, an dem sich „neue Sichtweisen und Lesarten eröffnen“mögen. Wenn man der „Mallorca-Zeitung“ glauben darf, ist die Wortschöpfung Ballermann dem Kölner Kegelverein FC Merowinger zu verdanken, der 1972 zum ersten Mal an die Playa de Palma flog, und den Balnéario nach einigen Bieren zum Ballermann taufte, um die schwere Zunge zu schonen.

Reich geworden ist mit dem Begriff der Bayer André Engelhardt, der sich die Marke „Ballermann“ vor gut 20 Jahren schützen ließ – für ätherische Öle genauso wie für Christbaumbeleuchtungen oder Spielfilme; mit Lizenzrechten und auch dank Hunderter Klagen wurde er zum Millionär. Im Vorwort des Buchs definiert Engelhardt den Ballermann als „Gemeinschaft von netten Leuten, die gerne feiern und miteinander Spaß haben wollen“, egal ob auf Mallorca, im Westerwald oder beim Schlagermove in Hamburg. 

Im Nachwort denkt der Soziologe und Unterhaltungswissenschaftler Sacha Szabo darüber nach, warum der um Affektkontrolle bemühte Homo sapiens sich von vermeintlich vulgären Party-Touristen abgrenzt, warum er Überschreitungen wie am Ballermann, die er selbst anderweitig sublimiert, sozial zu sanktionieren versucht. Neben ganzseitigen Fotos finden sich in dem Bildband Zitate von Partyhelden wie Mickie Krause („Sei gepriesen für Urlaub und Safari! Sei gepriesen für Wodka und Bacardi! Sei gepriesen für Opel und Ferrari! Sei gepriesen, denn Du bist wunderbar!“), Sätze von Tourismusmanagern, Journalisten, Schlagermusikern, Mallorquinern, Auszüge aus Speisekarten und Romanen. 

Stefan Flach, der sagt, mit Neugier, Skepsis und Vorurteilen zum Ballermann gereist zu sein, hat eine etwas wilde Mischung zusammengestellt, die gemeinsammit seinen Fotos der menschenleeren Partymeile ihren Zweck erfüllt: Statt zu werten, soll sich jeder selbst seine Gedanken machen. Über Schlager, Sangria und Sonnenbrand, Gemeinschaft und Vereinzelung, Affektkontrolle, Zivilisationsauswüchse und die Sehnsucht nach Kontrollverlust. Die Fallhöhe ist gewaltig am Ballermann in Zeiten der Corona-Krise. Das Buch eröffnet ein Spannungsfeld, das über den Ort hinausweist.  

Zum Buch : Ballermann5Uhr30, fotografiert von Stefan Flach, ist das dritte Buch aus dem Kölner Weissmann Verlag. Zuvor erschienen sind der Erzählband „Nachts nicht weit von wo“ und „RatSchläge – Gegen Wohnungsnot und Stadtraumzerstörung in Köln“.

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Lost Place – Ballermann

Seit mehr als 20 Jahren arbeitet Jan-Christopher Sierks in der Medienbranche. Vom positiven und negativen Wahnsinn auf Verlags- und Agenturseite – bis hin zu den täglichen Highlights sowie Pleiten im Business – hat er in dieser Zeit sehr viel Außergewöhnliches erlebt.

Jan-Christopher Sierks: „Ich hatte jahrelang selbst einen Verlag in Hamburg und gab unter anderem ein Luxus-Printmagazin heraus. In der PR betreute ich die Rolling Stones, den Papst und Versace für Projekte. Für einen Autohersteller war ich in mehreren Ländern in TV Werbespots zu sehen.“

In seinem privaten Blog www.sierks.com veröffentlicht er als Male-Blogger mit seinen Editors‘ Choices ausgewählte Themen, gesammelte Erfahrungen, Informationen zu aktuellen Projekten (wie Shootings, Drehs und Veröffentlichungen) oder Dinge aus dem Büro-Alltag.

Ballermann, das war eigentlich immer so: Hoch die Tassen, Sonnenbrand und Fußballtrikots soweit das Auge reicht.

Jan-Christopher Sierks

https://www.sierks.com/blog/2021/gelesen-lost-place-ballermann