Carolina Brauckmann in „Virginia Nr. 79“ über Kölner Frauengeschichtsverein (Hg.): Objekte in Bewegung. Aus den Beständen des Kölner Frauengeschichtsvereins.
Welch schöne Idee! Anlässlich seines 40. Jubiläums lässt der Kölner Frauengeschichtsverein seine Archivalien sprechen, vierzig an der Zahl, die sich auf 115 illustrierten Seiten als Zeitzeuginnen präsentieren. »Alle hier vorgestellten Objekte«, schreibt Irene Franken im informativen Nachwort, »haben ihren Weg in die Räume des Kölner Frauengeschichtsvereins gefunden: Sie wurden zu uns bewegt (…) und gleichzeitig haben sie uns Frauen* bewegt «. Die Objekte repräsentieren Kontexte wie Arbeit, Sexualität, Frauenpolitik, Kultur und vieles mehr im Zeitraum von 1900 bis 2025. Den Großteil von ihnen hat die Kölner Fotografin Rendel Freude ausdrucksstark ins Bild gesetzt.
Vierzig Texte, überwiegend verfasst von Irene Franken, einer der acht Vereinsgründerinnen, führen uns zu Plakaten, Flugblättern, Auszeichnungen, Broschüren, (digitalisierten) Tonkassetten, Postkarten, Buttons, Vor- und Nachlässen, so z. B. dem umfangreichen Nachlass von Maria Mies. Sie erzählen, sie erhellen, stellen Bezüge her, die längst nicht allen geläufig sind. Handelt es sich um eine Chronik, einen Katalog, ein Nachschlagewerk? Von allem etwas, gut geschrieben und substanzreich, wie es KennerInnen des Kölner Frauengeschichtsvereins seit langem gewohnt sind.
Prominent platziert: Objekt 21, das Modell der aus Stein gehauenen Skulptur von Anna Maria von Schurmann. Die Universalgelehrte aus der Barockzeit ist eine der 18 Frauenskulpturen auf dem Rathausturm (neben 106 Männerskulpturen!), die der Kölner Frauengeschichtsverein erkämpft hat. Das ist nicht allein eine Huldigung der in Köln geborenen Gelehrten, es war zugleich der Durchbruch weiblicher Repräsentanz im Stadtbild. Auf einmal waren sie sichtbar, die Hexe, die Schriftstellerin, die Revolutionärin und Klosterfrau. Frauen, die zuvor kaum jemand kannte im Kölner Stadtrat, erhielten endlich die lange vorenthaltene Aufmerksamkeit.
Objekt 17: Die kleine Bronzestatue, welche die niederländische Widerstandskämpferin Jannetje (»Hannie«) Schaft zeigt, ist ein Geschenk der Kölner Publizistin Ingrid Strobl. Irene Franken gelingt es, auf zwei Buchseiten anschaulich die kämpferische und schreckliche Geschichte von Hannie Schaft und den Schwestern Freddie und Truus Oversteegen zu erzählen und den Bogen zu schlagen zu Ingrid Strobl, deren Lebensthema Frauen im Widerstand gegen den Holocaust und die deutsche Besatzung war. Kurz vor ihrem Tod 2024 übergab Strobl dem Kölner Frauengeschichtsverein rund hundert Ton-Kassetten – ein einzigartiges Zeugnis über Frauen im Widerstand. Diese Verknüpfungen sind eine Stärke des Buches.
Archive werden lebendig, wenn sie ihre Schätze zeigen. Nicht bei allen Objekten war das Team einer Meinung. Muss das SM-Poster ins Buch, gehört das Spekulum aus den 1970ern nicht eher ins Frauengesundheitszentrum? Neutralität ist kein Kriterium bei der Auswahl, und das Wissen darum, was fehlt, ist Ansporn für eine Fortsetzung dieser Schatzhebung.
Objekt 14: Eine Häkelarbeit in violettem Garn, angefertigt mit Venuszeichen in der Mitte. Welche aus der jüngeren queerfeministischen Generation weiß um das Empowerment, das hier seinen Ausdruck findet? Die Autorin dieses Textes, Sigrid Haller- Rübbeck, wandert vom Häkelobjekt zur Symbolik der Großen Göttin, streift die Farbe Lila als die Farbe des Aufbruchs von Suffragetten und 1970er-Jahre-Feministinnen, um dann auf das lange Zeit abgewertete weibliche Handwerk hinzuweisen. Auch das haben Frauen positiv für sich umgedeutet: Craftista! Handarbeit als Aktivismus. Die jüngeren Feministinnen kennen auf jeden Fall die pinken Pussy Hats, die Frauen weltweit als Reaktion auf den Trump-Sexismus strickten und bei Demos tragen. Selbstredend auch ein Objekt im Bestand!
Das Archiv des Kölner Frauengeschichtsvereins ist eine Fundgrube. Das haben viele Archive miteinander gemein. Doch nun eine Veröffentlichung in den Händen zu halten und den Archivalien sozusagen persönlich zu begegnen, nicht allein ihre Geschichte, auch ihre Kraft zu spüren, das ist schon sehr besonders. Kleiner Wermutstropfen: Schade finde ich es, dass im Nachwort und Klappentext dem Begriff Frauen ein Gendersternchen angehängt wird. Wofür? Bei so viel realer Frauenpower ist es wenig sinnvoll, mit einem Platzhalter auf ein erweitertes Geschlechterverständnis zu verweisen.
Dessen ungeachtet: ein großes Dankeschön an die Ideengeberin und Herausgeberinnen!
Carolina Brauckmann lebt und arbeitet in Köln.
Schwerpunkte: Herstory, lesbisches Altern, Songwriting.
www. carolinabrauckmann.de

